Das Knabberohr

Es ist halb sechs morgens. Ich stehe draußen im fiesesten Nieselregen und bete meine Beschwörungsformel herunter: “ Macht fein Pipi – fein Pipi machen!“ – bis ich merke, dass ich ganz mutterseelenallein da stehe. Die Welpen haben nach einem kurzen Blick um die Ecke schleunigst wieder kehrt gemacht und verrichten ihre Notdurft jetzt wohl lieber unter schützendem Dach im Trockenen. Verstehen kann ich es ja, auf der Wiese stehen Pfützen und es tropft von den Sträuchern, da würde ich mich auch nicht wohlfühlen. Aber andererseits – es sind Hunde mit viel Fell! Neufundländer! Wasserhunde! Ich starte meinen Lockruf erneut, diesmal  abwechselnd mit Pfeifen. Zwei, drei Kleine kommen neugierig in meine Richtung und überlegen: „Gibt’s da wohl Futter?“ Aber Sekunden später sind sie wieder verschwunden. Ich breche also mein hoffnungsloses Unternehmen ab und begebe mich ebenfalls unter das schützende Dach zumal ich für das Wetter nicht richtig angezogen bin. . . Dort finde ich alles vor, was eigentlich auf die Wiese gehört: große und kleine Hinterlassenschaften. Hier gibt’s genug zu tun für mich und ich bin die nächsten zehn Minuten damit beschäftigt, in allen Ecken zu putzen. Die Kleinen haben sich derweil nach drinnen verzogen und schauen mich erwartungsvoll an. Ihre Blicke erinnern mich daran, dass jetzt Zeit für’s Frühstück ist. Mein Frühstück muss noch warten,  jetzt sind erst Mal die sieben Zwerge dran.

Nach dem begeisterten Schlabbern der Honig-Haferflocken-Milch sitzen die Babys herum wie bestellt und nicht abgeholt. „Was ist los mit euch? Keine Lust zum Spielen heute?“ Ich habe eine Idee: das Knabberohr könnte etwas Leben in die Rasselbande bringen. Gesagt, getan, ich werfe das getrocknete Kaninchenohr mitten in die Meute und sorge damit für helle Aufregung und eine wilde Jagd. Derjenige, der sich den Leckerbissen geschnappt hat und losrennt, um es in Sicherheit zu bringen, wird von den sechs Geschwistern verfolgt. Dabei merkt auch keiner, dass es draußen nass ist! Das begehrte Ding wechselt mehrmals den Besitzer und wird jedes Mal knurrend verteidigt. Schließlich haben sich zwei Rabauken mit der Beute in eine geschützte Ecke zurück gezogen und knabbern begeistert daran herum während jeder, der sich in die Nähe wagt, mit einem tiefen Grollen vertrieben wird. Welche beiden sind das wohl? Ich will es wissen und versuche, die Halsbänder zu erkennen. Als es mir gelingt, bin ich ganz verblüfft: es sind Fräulein Rot und Fräulein Grün, also Fee und Ginja. . .  Vorsichtig schleicht sich Herr Blau – Gerry  – heran und packt blitzschnell zu! Seine Taktik hat Erfolg und er macht sich schleunigst mit dem Ding aus dem Staub, die beiden Mädels fassungslos zurück lassend. Die wilde Jagd geht weiter bis Mama Princesse beschließt einzugreifen. Sie holt sich das leckere Teil und fängt genüßlich an zu kauen. Wer es wagt, sich zu nähern, wird angeknurrt, und siehe da, es herrscht Ruhe!