Heimlich, still und leise

Viele liebe Menschen, die mit uns gespannt auf die kommenden Welpen warten, fragen mich immer wieder: „Wie geht es Princesse?“ Darauf kann ich zum Glück sagen: „Es geht ihr sehr gut. Sie hat nur ein Problem, nämlich dass sie den ganzen Tag einen Riesenhunger hat.“ Sie hat ja schon immer gerne gefressen und zwar alles, was irgendwie genießbar ist, aber zurzeit ist sie gar nicht satt zu kriegen. Von morgens bis abends verfolgt mich ihr bettelnder Blick und sie steht sofort neben mir, wenn ich eine Schranktür öffne oder mit Papier raschele. Sie verfolgt mich in den Keller, wenn ich mir nur eine Flasche Wasser heraufholen will, und versperrt mir den Rückweg bis ich eine Möhre, einen Apfel oder sogar ein Biskuit für sie mitbringe. Wenn ich vom Einkaufen nach Hause komme, schnappt sie sich meine Handtasche oder den Autoschlüssel und läuft damit in die Küche. Dort gibt sie den Gegenstand nur im Tausch gegen einen Zwieback wieder ab.

Beim Spaziergang steht sie minutenlang auf der Wiese und rupft die frischen Spitzen der Gräser ab. Ein ganz besonderer Leckerbissen sind für sie zu meinem Leidwesen aber Pferdeäpfel – je frischer desto lieber. Nun schadet es sicher nicht, wenn sie mal einen davon erwischt, aber dass sie dafür den Elektrozaun und meine zornigen Rufe ignorierend auf die Weide läuft, um sich dort den Bauch voll zu schlagen, geht mir dann doch zu weit. Also muss ich sie in Nähe der Weide anleinen. Ansonsten darf sie frei laufen, weil sie in der Regel brav hinter uns her trottet. Am letzten Samstag waren wir aus der „Gefahrenzone Pferdewiese“ heraus und gingen im Gänsemarsch hintereinander über einen schmalen Waldweg, der rechts und links von Ilexsträuchern und Brombeerbüschen gesäumt war: mein Mann vorneweg, Avril und Elli zwischen uns und Princesse als Schlusslicht hinter mir. Das dachte ich jedenfalls, doch da ich hinten keine Augen habe (leider), bekam ich nicht mit, dass Madame sich heimlich, still und leise in die Büsche geschlagen hatte. Erst als ich mich irgendwann umwandte, fiel es mir auf. Ich ärgerte mich maßlos – aber nicht über Princesse sondern über mich selbst. Denn eigentlich kenne ich mein Mädchen gut genug, um zu wissen, dass sie immer ihre kleinen Abstecher macht, wenn gerade mal keiner auf sie achtet. Sie ist sogar einmal in einem Hohlweg verschwunden, wo rechts und links fast drei Meter hohe und sehr steile Böschungen waren, und kam erst nach einigen Minuten von dort oben wieder herunter, nachdem sie sich ausgiebig an Pferdeäpfeln gütlich getan hatte.

Es ist schon ein blödes Gefühl, wenn man sich umdreht und der Hund, der eben noch hinter einem war, plötzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Da hilft auch kein Rufen oder Pfeifen sondern nur Warten oder Suchen. Ich war fürs Warten aber mein Mann meinte, wir sollten sie suchen, da sie seiner Meinung nach noch nicht weit weg sein könnte. Also kroch ich in gebückter Haltung durch die stacheligen Ilexbüsche (die auch Stechpalmen genannt werden), versuchte den pieksenden Brombeerranken auszuweichen und fluchte leise vor mich hin. . . Leider fand ich Princesse dort trotzdem nicht. Mein Mann brachte Avril und Elli nach Hause und dann suchten wir zu zweit die ganze Umgebung ab. Schließlich gab uns eine Spaziergängerin einen Hinweis. Princesse war dorthin zurück  gelaufen, wo sie uns verlassen hatte, und war nun ihrerseits irritiert, dass sie uns nicht mehr fand. So gesehen wäre Warten vielleicht doch die bessere Lösung gewesen. . . Was unsere Süße in der halben Stunde ihres Verschwindens gemacht hat, können wir nur vermuten. Ich meinte, einen leichten Geruch nach Pferdeäpfeln und frischem Gras an ihr wahrgenommen zu haben als ich sie glücklich in die Arme schloss. . .