So still und leer

Ich spüre eine leichte Berührung am Hosenbein und schaue hinunter wo die kleine Braune versucht, an mir hoch zu klettern. Sie schaut zu mir auf und als sich unsere Blicke treffen, fiept sie ganz leise. Ich nehme sie auf den Schoß und das kleine Fellbündel kuschelt sich an mich. „Na, du vermisst deine Geschwister wohl sehr“, sage ich leise und schaue mich um. Im Geiste sehe ich die ganze Rasselbande vor mir, wie sie hier hinter dem Haus immer herum tobte, sich um ein Spielzeug zankte und beim Fressen so friedlich gemeinsam an der großen Schüssel stand. Das Schüsselchen, aus dem Franca ihr Futter bekommt, ist noch halb voll, sie hat kaum etwas gefressen. Ohne die Geschwister schmeckt es ihr wohl nicht.

Am Freitag, den 1. August, als die Kleinen gerade 9 Wochen alt waren, wurden die ersten beiden abgeholt: Fine schon morgens um 9 Uhr und Findus gegen Mittag. Natürlich wurden sie von mir erst mal schön gemacht, was ihnen gar nicht gefiel. Sonst hatte ich sie immer erst gebürstet, wenn sie nach dem Toben müde wurden, doch das ging diesmal nicht anders, sie mussten still halten, während die anderen weiter herum tobten. Irgendwie spürte die ganze Bande, dass an diesem Tag alles anders war und sie kamen nicht zur Ruhe. Fines neue Familie wurde von den Welpen ebenso wie von den drei Großen  stürmisch begrüßt. Schließlich waren sie für die Hunde keine Fremden mehr. Fine kam als erste – mit Fred im Schlepptau, der sich heute wie ein Bodygard benahm und Fine nicht aus den Augen ließ. Auch nicht als es ernst wurde und das braune Mädchen auf den Armen ihres neuen Frauchens zum Auto gebracht wurde. Fred wollte hinterher und beklagte sich lauthals, als das Tor vor seiner Nase geschlossen wurde: Seine liebste Spielgefährtin war fort! Findus war ganz cool als seine Familie ihn abholte, es gefiel ihm nur nicht, dass er so ein komisches Ding umgelegt bekam, das die Menschen  „Geschirr“ nannten. So was Blödes! Als auch er fort war, spielten und tobten die fünf verbliebenen Welpen im Laufe des Tages wie bisher und doch lag eine etwas melancholische Stimmung in der Luft.

Am Samstag kamen die ersten Besucher schon vor 9 Uhr um ihre Florentine abzuholen. Sie hatten eine lange Fahrt aus der Nähe von Leipzig hinter sich und dieselbe lange Strecke natürlich noch einmal vor sich, Dagegen hatte es Finn, der am Vormittag abgeholt wurde,  richtig gut, denn er ist zu einer Familie in Remscheid gekommen und musste es nur zwanzig Minuten lang im Auto aushalten. Finn und Florentine waren für das Welpenrudel zwei sehr wichtige Persönlichkeiten, sehr mutig und selbstbewusst teilten sie sich die Position eines Leithundes und ergänzten sich dabei vorzüglich. Ohne die beiden war das Rudel kein richtiges Rudel mehr sondern ein kleines verlorenes Häufchen von drei übrig gebliebenen Welpen. Sie spielten zwar aber es fehlten Tatendrang und Führung.

Am Sonntag in der Frühe kamen Fenjas Leute, die ebenfalls eine lange Fahrt hinter sich hatten und nicht weit von Florentines Familie leben. Fenja war mit Frauchen schon im Auto als mir einfiel, dass ich noch ein Abschiedsfoto machen wollte. Ganz still und äußerlich ruhig saß die kleine Schwarze da, doch ich wusste, dass ihr Herzchen jetzt ganz aufgeregt klopft – mein kleines Sensibelchen. Als nächster verließ Fred uns, der kleine Eremit, der sich oft in seine Ecke zurück zog, wenn die anderen zu wild tobten. Sein Versteck hinter der Bademuschel wird nun leer bleiben.

Jedes Mal wenn ein Welpe zum Auto gebracht wurde, begleitete Princesse ihn und steckte zum Abschied kurz den Kopf ins Auto um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Dann drehte sie sich um und ging wieder zurück. Nun wusste sie Bescheid und brauchte ihr Baby nicht zu suchen.

Ja, kleine Franca, nun bist du alleine unter den drei Großen. Ausgerechnet du, die doch so gerne Trubel um sich hat und am liebsten immer dabei sein will, wenn irgendwo etwas los ist. Zum Glück spielt Elli gerne mit dir und Avril lässt es zu, dass du dich an sie kuschelst. Deine Mama Princesse leckt dir ab und zu durchs Gesicht als wolle sie dich trösten. Doch nur noch wenige Tage bis zum nächsten Wochenende, dann kommt deine Familie, um dich abzuholen. Dann ist es bei uns erst richtig still und leer.